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Havarierter Tiger im Tank

Matthias Ackeret

Letzte Woche debattierte der Nationalrat über Medienförderung. Was irgendwie sonderbar ist, da normalerweise die Medien über Politik berichten und auch richten. Wer die Debatte verfolgte, musste unweigerlich an den legendären Schweiz-Gefängnis-Vergleich von Friedrich Dürrenmatt denken. Nur befanden wir uns diesmal in einem Zoo.

Die Nationalrätinnen und Nationalräte waren wie Tierpfleger, die einen verwundeten Tiger – also die durch Werbeeinbrüche und Digitalisierung havarierte Presse – mit verbalen Streicheleinheiten («So wichtig seid Ihr Medien für die Demokratie!») hätschelten und ihm eine Vitaminspritze in Form von verbilligten Posttaxen in Aussicht stellten, damit er sich wieder wie ein Wildtier gebärden könne. Das hatte etwas Rührendes, zumal sich Medien und staatliche Abhängigkeit per se ausschliessen. Doch diese Zeiten sind definitiv vorbei: ohne staatliche Unterstützung droht vielen Zeitungen das Ende. «Tiger im Tank» hiess ein berühmter Esso-Slogan. Doch ein kraftloser Tiger im Tank bringt jeden Wagen zum Stottern.

Es ist Fakt, dass das Werbevolumen in der Schweiz im letzten Jahrzehnt um die Hälfte, also über eine Milliarde Franken, zurückgegangen ist. Neue Player – wie Google und Facebook – drängen in den Markt und schröpfen jeden zweiten Werbefranken ab. Dagegen wirken die Schlachten gegen die SRG fast schon wie Folklore. Dass jetzt auch noch Onlineprojekte unterstützt werden sollen, deren Erfolg niemand so richtig einschätzen kann, gehört wohl zur politischen Konzession, damit am Ende die Kohle fliesst.

Das meiste Staatsgeld geht am Enden sowieso an die Grossverlage. Das ist okay, generieren sie auch am meisten Arbeitsplätze. In der Zunkunft wird sich einiges ändern: Künftig gibt es stark subventionierte Medien und eben die Anderen. Ob das für die Medienlandschaft gut ist, bleibe dahingestellt. Nur sollten sich die Bezahlzeitungen weniger über die subventionierte Landwirtschaft – und vielleicht auch die SRG – lustig machen.     

 

 

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Kommentare

  • Victor Brunner, 14.09.2020 15:03 Uhr
    Schon der Begriff "Medienförderung" ist falsch. Fördern heisst verbesseren und das geschieht auch mit Millionen von Steuergeldern nicht. Den Grossverlagen hilft es die Dividenden zu sichern, Verlegern kleineren Titel nimmt das Geld für kurze Zeit die Sorgen. Grundsätzlich sollten Gratismedien keine Steuergelder bekommen, sie sollen sich wie geplant mit Werbeeinnahmen über Wasser halten oder über Abos Gelder generieren. Abomedien müssen halt die Preise erhöhen und sich durch Qualität unersetzlich machen. Was peinlich auffällt wie geschlossen der ganze Medienzirkus auf Steuergelder fixiert ist. Nicht mehr Markt, nicht mehr Unabhängigkeit ist angesagt, sondern mehr Staat.
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