06.04.2020

Verzerrte Information

Schweizer wissen wenig über Algorithmen

Internetnutzer sind täglich mit algorithmischer Selektion konfrontiert, aber nur ein Teil davon erkennt das. Eine Untersuchung der Universität Zürich zeigt: Jeder Zehnte ist sich nicht bewusst, dass Google, Netflix & Co. Inhalte personalisieren können. Das Risikobewusstsein ist diffus.
Verzerrte Information: Schweizer wissen wenig über Algorithmen
Facebook, Twitter oder auch YouTube zeigen Inhalte nach algorithmischer Selektion an. (Bild: Pixabay)

Algorithmen haben unseren Alltag längst durchdrungen und beeinflussen, wie wir die Welt wahrnehmen. Sie entscheiden, welche Suchergebnisse uns auf Google angezeigt werden, welche Produkte wir in Online-Shops empfohlen bekommen oder welche Werbung uns online angezeigt wird. Auf YouTube, Netflix und Spotify bestimmen sie unseren Konsum von Serien und Musik massgeblich mit. Auch für Fitnesstracker und Dating-Apps wie Tinder ist algorithmische Selektion zentral. 

Wie stark nutzt die Schweiz Internetdienste, die algorithmische Selektion anwenden, und als wie wichtig erachtet sie diese? Wie gut wissen Schweizer Internetnutzer über die Funktionsweise dieser Dienste Bescheid? Erkennen Internetnutzer hierzulande, welchen Risiken sie sich aussetzen, und wie gehen sie damit um? Erstmalige Einblicke zu diesen und ähnlichen Fragen liefert eine repräsentative Befragung von Schweizer Internetnutzerinnen und -nutzern von UZH-Professor Michael Latzer und seinem Team.

1_Nutzung

So gut wie alle Onliner in der Schweiz (92 Prozent der Bevölkerung) nutzen algorithmische Selektionsanwendungen wie WhatsApp (97 Prozent), die Google-Suche (96 Prozent) oder Facebook (67 Prozent). Im Durchschnitt verbringen Schweizer Internetnutzer dreieinhalb Stunden pro Tag online. Über zwei Drittel dieser Zeit verbringen sie mit Anwendungen, die algorithmische Selektion einsetzen (z.B. Instagram, 20min.ch oder Google-Suche). Gründe für die Nichtnutzung solcher Dienste in der Schweiz sind fehlendes Interesse oder eine als gering wahrgenommene Nützlichkeit. Auch Datenschutzbedenken spielen eine Rolle, insbesondere bei der Nichtnutzung von sozialen Medien wie Facebook.

Offline-Alternativen wichtiger als algorithmische Selektion

Obwohl algorithmische Selektionsanwendungen tägliche Begleiter der Schweizer Internetnutzer sind, werden sie für den Alltag in allen Lebensbereichen als vergleichsweise unwichtig eingestuft. Entgegen gängiger Spekulationen über die hohe Bedeutung von sozialen Medien als Informationsquellen schätzen Internetnutzer Offline-Alternativen wie Gespräche mit Freunden und Familie für ihre soziale und politische Meinungsbildung als wichtiger ein als alle algorithmischen Online-Alternativen.

3_Wissen

Gleichermassen verlässt sich die Mehrheit der Schweizer Internetnutzer lieber auf Empfehlungen von Freunden oder Familie als auf automatisierte Online-Empfehlungen, wenn es um Unterhaltungsangebote (72 Prozent) oder den Kauf von Produkten und Dienstleistungen (74 Prozent) geht. «Die hohe Nutzung von algorithmischen Diensten alleine sollte nicht zu voreiligen Schlüssen über deren Einfluss auf Nutzer führen. Denn diese schätzen Offline-Alternativen in allen Lebensbereichen als wichtiger ein», wird Michael Latzer in der Mitteilung zur Studie zitiert.

Fitness-Trackingdaten gegen monetäre Vorteile

Für jeden dritten Internetnutzer (31 Prozent) sind Fitnesstracker oder Apps bedeutsam, die den Gesundheits- oder Fitnessstatus überwachen oder Aktivitäten automatisch aufzeichnen. Mehr als ein Drittel der Nutzer solcher Geräte (36 Prozent) verwendet ihre Fitnesstracker oder Apps täglich. Die Schweiz zeichnet mit deren Hilfe vor allem Daten im Fitness- und Sportbereich (79 Prozent) sowie den eigenen Schlaf (28 Prozent) oder die Ernährung (16 Prozent) auf.

42 Prozent der Nutzer von Fitnesstrackern wären bereit, persönliche Daten (z.B. die tägliche Anzahl Schritte) mit ihrer Versicherung zu teilen, wenn sie als Gegenleistung finanzielle Vorteile wie Prämienvergünstigungen erhielten. Dieser Anteil ist unter jüngeren Nutzern noch höher (55 Prozent bei 26- bis 35-Jährigen). Gleichzeitig ist das Bewusstsein über damit einhergehende Risiken tief und das Vertrauen in die Trackingdienste gering. So gibt die grosse Mehrheit der Trackingnutzer (72 Prozent) an, den Informationen ihres Trackers nicht blind zu vertrauen. 

Viel genutzt, von einem Teil erkannt und wenig verstanden

Die meisten Internetnutzer sind täglich mit algorithmischer Selektion konfrontiert – aber nur ein Teil davon erkennt das. So nehmen zwei Drittel (66 Prozent) wahr, dass Inhalte, die ihnen online angezeigt werden, denen ähnlich sind, die sie in der Vergangenheit betrachtet haben. Die Hälfte (54 Prozent) hat manchmal das Gefühl, Suchergebnisse seien spezifisch für sie sortiert. Hochgebildete und jüngere Internetnutzer geben deutlich öfter an, während ihrer Internetnutzung solche Erfahrungen mit Algorithmen zu machen. «Bei hoher täglicher Nutzung herrscht erstaunliches Unwissen. Jeder Dritte weiss beispielsweise nicht, dass Google-Suchen mit den gleichen Suchbegriffen bei verschiedenen Personen zu unterschiedlichen Resultaten führen können», erläutert Michael Latzer. «Jeder zehnte Internetnutzer ist sich nicht bewusst, dass Online-Dienste die angezeigten Inhalte personalisieren können», ergänzt er.

10_Wissen nach Bildung

Ähnliches zeigt sich bei algorithmischer Selektion im Bereich von Online-Shopping: 27 Prozent der Internetnutzer wissen nicht, dass Online-Werbung personalisiert sein kann und einem Drittel (35 Prozent) ist unbekannt, dass Firmen im Internet Bots für die Kommunikation mit Kunden einsetzen. Im Allgemeinen weisen jüngere, männliche und höhergebildete Internetnutzer höhere Fähigkeiten im Umgang mit algorithmischen Online-Diensten auf und wissen mehr über die dahinterliegenden Prozesse.

Hohes Risikobewusstsein, doch wenige schützen sich

Obwohl viele Schweizer Internetnutzer nicht genau wissen, wie Algorithmen funktionieren und welche Rolle ihnen in den vielgenutzten Anwendungen zukommt, ist ein diffuses Bewusstsein über Risiken weit verbreitet. Generell denken höhergebildete und ältere Internetnutzer häufiger über Risiken im Zusammenhang mit algorithmischer Selektion nach. Die meisten potentiellen Gefahren der Internetnutzung sind heute auf den Einsatz von Algorithmen zurückzuführen oder werden dadurch zumindest begünstigt: Personalisierte Empfehlungen, die bei Diensten wie YouTube mittels Autoplay auch noch automatisch abgespielt werden, und ständige Push-Benachrichtigungen tragen zu digitalem Überkonsum bei und die Möglichkeiten geräte- und diensteübergreifender Auswertung und Nutzung persönlicher Datenspuren sind im algorithmischen Zeitalter deutlich gestiegen.

Schweizer Internetnutzer machen sich auch sehr oft Gedanken dazu, im Internet einseitig oder verzerrt informiert zu werden (93 Prozent). Dennoch prüft nur ein Viertel (25 Prozent) der Social Media Nutzer die Richtigkeit von Nachrichten, die in ihrem News Feed erscheinen, indem sie zusätzliche Quellen konsultieren. 95 Prozent denken zumindest gelegentlich über mögliche Verletzungen der Privatsphäre im Internet nach und 79 Prozent wissen, dass ihre persönlichen Daten für Unternehmen wie Google oder Facebook von Interesse sind. Trotzdem passen nur 32 Prozent ihre Datenschutzeinstellungen bei bestimmten Diensten an. Nur die Hälfte der Internetnutzer (50 Prozent) verweigert ausserdem Apps bestimmte Rechte auf ihren mobilen Geräten oder löscht Cookies oder ihren Browserverlauf (47 Prozent). Bei der Google-Suche gibt die Hälfte der Nutzer (55 Prozent) an, dass sie nicht auf Suchergebnisse klicken, die als Werbung gekennzeichnet sind. Allerdings ignoriert die Mehrheit der Internetnutzer (70 Prozent) automatisierte, personalisierte Online-Empfehlungen häufig oder immer, wenn sie algorithmische Selektionsanwendungen verwenden.

Latzer dazu: «In Zeiten, in denen Begriffe wie Filter Bubbles und Dataveillance den öffentlichen Diskurs dominieren, denken Schweizer Internetnutzer oft über solche Risiken nach. Gleichzeitig wissen sie wenig über die Funktionsweise algorithmischer Selektion und schützen sich selten».

Mehr Kontrolle über algorithmische Dienste gewünscht

Generell ist das Vertrauen in algorithmische Online-Dienste in der Schweiz gering. Nur ein Viertel der Internetnutzer (27 Prozent) gibt an, dass sie Online-Diensten vertrauen und lediglich 14 Prozent halten die meisten Informationen im Internet für vertrauenswürdig. Wenn es nach ihnen ginge, würden sechs von zehn Nutzern (59 Prozent) sozialen Medien wie Facebook und Instagram keinen Einfluss auf für sie wichtige Themen erlauben. Eine Mehrheit würde es begrüssen, wenn besser kontrolliert werden könnte, wie soziale Medien (66 Prozent) und die Google-Suche (61 Prozent) funktionieren. Ein Drittel (34 Prozent) hat ausserdem das Gefühl, die Kontrolle über ihre Daten im Internet komplett zu verlieren.

4_Kontrolle

Solche negativen Einschätzungen sind tendenziell bei jüngeren Internetnutzern stärker verbreitet. Darüber hinaus zeigt sich ein bedeutender Teil der Schweizer Internetnutzer resigniert im Umgang mit algorithmischen Online-Diensten: Sechs von zehn glauben akzeptieren zu müssen, dass es im Internet sowieso keine Privatsphäre mehr gibt und 28 Prozent versuchen gar nicht mehr die Funktionsweise von Diensten wie der Google-Suche zu verstehen.

Cyberoptimismus in der Schweiz ungebrochen

Dennoch sind mehr als acht von zehn Nutzer (84 Prozent) froh, dass es das Internet gibt und zwei Drittel (67 Prozent) finden, dass das Internet eine gute Sache für die Gesellschaft ist. Cyberoptimismus ist bei Internetnutzern mit mittlerem oder hohem Bildungsniveau ausgeprägter. Männer sind zudem cyberoptimistischer als Frauen.

16_Cyberoptimismus und Cyberpessimismus

«Die Bilanz der Schweizer Internetnutzerinnen und -nutzer bleibt positiv», schliesst Michael Latzer aus den aktuellen Ergebnissen der UZH-Studie. «Dennoch ist nicht zu vernachlässigen, dass der Alltag eines typischen Schweizer Internetnutzers stark von Algorithmen geprägt ist, er aber sehr wenig darüber weiss. Dies erzeugt Unsicherheit in der Bevölkerung hinsichtlich der Macht von Algorithmen, resultiert in geringem Selbstschutz und einem Gefühl von Ohnmacht. Der dadurch entstandene Wunsch nach mehr Kontrolle und Transparenz ist ernst zu nehmen». (pd/wid)



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