21.05.2020

Lesetipps

Drei aktuelle Bücher und ein Klassiker

persönlich-Chefredaktor Matthias Ackeret hatte in den letzten Wochen viel Zeit zum Lesen. Er empfiehlt eine Bewusstseinserweiterung, einen erschütternden Bericht aus Lesbos, eine minutiöse Recherche und zum Schluss etwas Leichtigkeit.
Lesetipps: Drei aktuelle Bücher und ein Klassiker
Durch die Coronakrise hatten zahlreiche Menschen viel Zeit zum Lesen. (Bild: Pixabay)

schawinskimethode

Nicht jede Niederlage ist eine Niederlage

Über Roger Schawinski weiss man eigentlich fast alles – sind doch bereits früher eine Biografie von Roy Spring (1999) und seine eigene Autobiografie (2014) erschienen. Zudem hat das Schweizer Fernsehen vor wenigen Tagen ein aufwendig gemachtes Porträt des Berner Filmemachers Michael Bühler über den wohl bekanntesten Schweizer Journalisten ausgestrahlt (persoenlich.com berichtete). Deswegen fällt die in diesen Tagen erschienene «Schawinski-Methode» in die Kategorie der Bewusstseinserweiterung. Nicht biografische Anekdoten stehen im Vordergrund, sondern am (vorläufigen) Ende einer langen Berufskarriere die Frage: Wie war das alles möglich? Es hat zweifelsohne seinen eigenen Reiz, den Mechano eines Erfolgsmenschen zu kennen – das kann auch für die eigene Tätigkeit nützlich sein, da dessen Erfahrungen und Prinzipien tausendmal durchprobiert und auch verfeinert wurden. Trotzdem wurde Schawinski schlussendlich Schawinski, weil er eben Schawinski ist. Sowenig man nach der Lektüre des «Blocher-Prinzips» Bundesrat und Milliardär wird oder nach Trumps «Art of the Deal» amerikanischer Präsident, so wenig wird man nach der Lektüre des neuen Schawinski-Werks Medienpionier. Aber das Buch zeigt anderes: dass mit Disziplin, einer Vision, Hartnäckigkeit und einem gesunden Selbstbewusstsein Niederlagen plötzlich zweitrangig werden können oder sogar zur Startrampe für einen nächsten, noch grösseren Karriereschritt. Ein Beispiel: Nach dem Rausschmiss bei der «Tat» – für viele Chefredaktoren das unweigerliche Ende der Karriere – gründete Schawinski Radio 24. Als ihn dies nicht mehr forderte, erfand er TeleZüri. Nach dem Verkauf der beiden Zürcher Sender wechselte er nach Berlin und wurde Sat.1-Chef. Nach seinem Abgang konzipierte er Radio 1 und wurde Talkmaster im Schweizer Fernsehen. Selbst die Absetzung dieser Sendung konnte Schawinski nur wenig anhaben, seither macht der 74-Jährige aus seinem Homeoffice am Zürcher Adlisberg allmorgendlich einen zweistündigen Corona-Talk. Die permanente Selbsterfindung mit einem sicheren Gespür für das Timing ist eine der Hauptfähigkeiten des Autors. Das Buch ist packend geschrieben, schnell zu lesen und verfügt über jenen amerikanischen Winner-Touch und jene Leichtigkeit, die hierzulande selten sind. Am stärksten ist Erfolgsmensch Schawinski aber, wenn er eigene Fehler eingesteht, beispielsweise das Tele-24-Leibchen-Sponsoring von GC, obwohl er in seinem Herzen überzeugter FCZ-Fan ist. Oder die Gründung von Tele 24, seinem Herzensprojekt, das – nach Schawinskis Ansicht – scheiterte, weil er zu fest in die eigene Idee verliebt war und deswegen das gesunde unternehmerische Augenmass verlor. Was man aber von Schawinski lernen kann: Nicht jede Niederlage ist zwingend eine Niederlage, und manchmal gibt das Leben wirklich eine zweite oder sogar dritte Chance. Gerade für Selbstzweifler eine wichtige Erkenntnis. Als der Medienpionier vor genau fünfundzwanzig Jahren seinen fünfzigsten Geburtstag feierte, lud er das ganze Radio-24- und Tele-Züri-Team in Wettingen zu einem Konzert seines Hausheiligen Jimmy Cliff ein. Dessen Hymne «You Can Get It If You Really Want» ist in den langen und schlussendlich erfolgreichen Pizzo-Groppera-Schlachten zu Schawinskis DNA und Lebensmotto geworden. Jimmy Cliff verzichtete an diesem Abend aber auf den Song, vielleicht aus Einsicht, dass Wettingen nicht das Hallenstadion ist und der perfektere Interpret im Publikum sass.






schande europas

Der letzte Revolutionär

Gäbe es das Buch nicht, wäre das Thema wohl ganz verdrängt. In den wenigen noch offenen Bookstores in den Schweizer Bahnhöfen hat es trotz Corona einen prominenten Platz: «Die Schande Europas» von Jean Ziegler (C. Bertelmann). Der mittlerweile 86-jährige Altmeister beschreibt das Flüchtlingsdrama im griechischen Ozean in seiner eigenen eindrücklichen Tonalität, der man sich als Leser nur unschwer erziehen kann. Es ist eine Qualität von Ziegler, dass er im Gegensatz zu all den Cedric-Wermuth-Sozialisten wirklich weiss, wovon er spricht, und sich selbst ein Bild von der Realität, in diesem Fall von den katastrophalen Zuständen auf der Insel Lesbos, gemacht hat. Der Schreibende ist sogar Zeuge davon, er hat den Genfer Autor und Soziologieprofessor am Vorabend seiner Reise in die EU-Lager am Zürcher Flughafen getroffen. Am nächsten Morgen ist Ziegler mit dem Flugzeug Richtung Griechenland aufgebrochen, jetzt ist das Buch da, das – wie alle anderen Ziegler-Schriften – in Frankreich und Deutschland sogleich zu einem Beststeller wurde. Die Forderung ist unmissverständlich: «Es gibt keine prinzipielle Ohnmacht in der Demokratie. Wir, die Bürgerinnen und Bürger, verfügen über die Macht der Schande. Es liegt an uns, die Machtverhältnisse zu verändern.» Das ist nicht Lenin oder Che, das ist Ziegler.







revolverchuchi

Bonnie and Clyde im Aargau

Peter Hossli ist um die ganze Welt gereist und hat darüber für die Ringier-Blätter berichtet. Das Meisterstück gelingt dem 51-jährigen Reporter in seiner engsten Heimat, nämlich in Baden, wo er aufgewachsen ist. Akribisch genau schildert er in seiner «True-Crime-Story» «Revolverchuchi – Mordfall Stadelmann 1957» die wahre Geschichte zweier Liebender, die aus Geldnot und romantischer Verblendung zu Mördern wurden, indem sie einen ahnungslosen Handelsreisenden niederschlugen, ausraubten und anschliessend in die Reuss warfen. Obwohl das Verbrechen vor 63 Jahren landesweit für Schlafzeilen sorgte und zu seiner Zeit als «grösster Kriminalfall der Schweiz» galt, ist es mittlerweile in Vergessenheit geraten. Hossli, ganz Reporter, hat minutiös recherchiert und im Staatsarchiv Aargau wegen des Kopierverbots 1500 Seiten aus den Akten über den mittlerweile – im besten Sinn des Wortes ad acta gelegten Fall – abgeschrieben. Obwohl die beiden Mörder von Anfang des Buches an bekannt sind, legt man es trotzdem nicht zur Seite. Das ist eine seltene Qualität, liegt aber auch daran, dass Hossli Filmwissenschaft studiert hat und weiss, wie eine gute Geschichte funktioniert. Woher der Name «Revolverchuchi» kommt, wird auf der letzten Seite aufgelöst.




fliehendes pferd

Das perfekte Buch

Zu guter Letzt: Irgendwann wird diese Krise vorbei sein. Und dann wird man – hoffentlich – dort ansetzen, als alles normal war. Bei jener beschwingten Leichtigkeit des Seins, in der  es keine Schutzmasken, geschlossenen Grenzen und kein Social Distancing gab. Einer Zeit, in der alles andere zählte. Martin Walser hat diesen Zustand vor 42 Jahren in seiner brillanten und zeitlosen Novelle «Ein fliehendes Pferd» beschrieben. Zwei Ehepaare in ihren Sommerferien am Bodensee, die sich über das Kreuz bewundern, verlieben und am Ende demaskieren. Das perfekte Buch. Vor allem jetzt.



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