19.05.2020

Serie zum Coronavirus

«Theater ist ein Ort, an dem ich andere spüren muss»

Folge 46: Theaterleiter und Schauspieler Daniel Rohr hofft darauf, dass im Juni erste musikalische Proben mit Sicherheitsabstand möglich sind. Künstlerinnen und Künstler würden die Zeit für eigene Projekte nutzen, für Selbstständige sei es finanziell sehr schwer.
Serie zum Coronavirus: «Theater ist ein Ort, an dem ich andere spüren muss»
«Natürlich ist für alle die Ungewissheit wie sich die Situation weiterentwickeln könnte eine grosse Last»: Theaterleiter und Schauspieler Daniel Rohr. (Bild: zVg.)
von Matthias Ackeret

Herr Rohr, wie fest beeinträchtigt die ganze Krise Ihren Alltag als Schauspieler und Theaterleiter?
Weil das Theater Rigiblick mein Leben bestimmt, beeinträchtigt mich die Krise natürlich sehr; im Guten wie im Schlechten. Ich habe zwar mehr zu tun als ich anfänglich dachte, vor allem Büro- und Verwaltungsarbeit, aber ich geniesse es, dass ich zum ersten Mal seit Jahren am Wochenende nicht arbeiten muss. Das kannte ich als Theaterleiter schlicht nicht. Die Stille im Theater ist manchmal drückend und ich freue mich darauf, dass wir im Juni wohl in einem kleinen Team musikalische Proben mit dem geforderten Sicherheitsabstand für die Produktion «Comedian Harmonists» machen dürfen. Darüber hinaus merke ich, wie ich die Musse geniesse und wie ich auf neue Ideen und Projekte komme.

Wann rechnen Sie damit, dass man das Theater wieder öffnen kann?
Der Bundesrat wird wohl am 27. Mai darüber befinden, ob kleinere Institutionen wieder öffnen dürfen. Realistisch ist aber, dass wir frühestens im September wieder spielen dürfen werden.

Können Sie im jetzigen Zeitpunkt überhaupt planen?
Eine Planung ist äusserst schwierig, weil die Bühnenverbände noch nicht das ganze Schutzkonzept erarbeitet und veröffentlicht haben. Wir im Rigiblick stehen vor der Frage: wie viele Zuschauerinnen und Zuschauer dürfen die Vorstellungen besuchen? Wie dürfen die Künstler agieren? Können wir mit den Schutzmassnahmen alle Vorstellungen auf den Spielplan setzen? Solange wir diesbezüglich keine Vorgaben haben können wir nicht agieren.

Das Theater Rigiblick finanziert sich zu 80 Prozent aus privaten Geldern. Was heisst das in der jetzigen Situation?
Wir sind sehr froh, dass wir Entschädigungen für Kurzarbeit erhalten, das hilft sehr. Natürlich fehlen uns aber auch die Ticketing-Erträge enorm. Da wir ein sehr gutes, meist langjähriges Vertrauens-Verhältnis zu unseren Sponsoren haben stützen sie uns weiter obwohl wir nicht spielen können, das gibt Kraft.

Was bedeutet die Situation für Schauspieler, die momentan nirgendwo spielen können? Haben Sie einen regelmässigen Austausch?
Natürlich ist für alle die Ungewissheit wie sich die Situation weiterentwickeln könnte eine grosse Last. Viele Künstlerinnen und Künstler nutzen die freie Zeit und sitzen an eigenen Projekten die sie dann irgendwann aufführen möchten. Selbständige Künstler haben es momentan finanziell sehr schwer, angestellte Künstlerinnen und Künstler können mit Kurzarbeit teilweise geschützt werden. Als Theaterleiter bin ich in regelmässigen Kontakt mit unseren Künstlerinnen und Künstlern, ich erlebe sehr berührende Gespräche und Situationen.

Gibt es auch schon Selbsthilfeorganisationen oder ähnliches?
Wir haben im Rigiblick einen Corona-Hilfsfonds eingerichtet für diejenigen, die es ganz hart trifft. Wir erleben es, dass andere Künstlerinnen und Künstler ihre Gage spenden oder dass uns Gäste den Betrag ihrer bereits bezahlten Tickets zur Verfügung stellen. Da wir eine enge Bindung an unser Publikum haben unterstützen auch viele der Mitglieder im Theater Rigiblick den Fonds. Es berührt und freut mich sehr, dass ich erlebe wie sehr den Menschen die Kultur fehlt.

Planen Sie momentan die nächste Saison oder ist dies in der jetzigen Situation zu weit weg?
Die Planung ist durch die Unsicherheit ungemein schwierig. Wir haben den gesamten Herbstspielplan gemacht und online gestellt. Es kann aber sein, dass wir nach dem 27. Mai einen völligen «Reset» machen und den Spielplan völlig neu überarbeiten müssen, das wäre eine Herkulesarbeit. Aber als Künstler ist Unsicherheit auch immer eine Herausforderung. So gesehen ist die aktuelle Zeit auch unglaublich spannend für mich.

Welche Erfahrungen haben Sie mit Digitalübertragungen aus dem Theater gemacht?
Wir werden einige Songs von der Aufführung über die «Comedian Harmonists», die wir für die Festspiele Zürich erarbeiten voraussichtlich am 12. Juni für unser Publikum streamen. Für mich ist Theater aber schon ein Ort, an dem ich die anderen im Saal spüren muss; nur mit dem Publikum wird das Theater zum Gesamtkunstwerk, das Publikum ist ein Teil der Aufführung, es agiert mit.

Was war für Sie das prägendste Erlebnis der letzten Tage?
Gestern haben meine Partnerin Hanna Scheuring und ich an dem Abend über John Lennon gearbeitet, eine Aufführung die wir im September herausbringen möchten. Hanna macht Regie und ich werde spielen. Ich las ihr den Text laut vor, dazu haben wir die ausgesuchten Stücke von Lennon eingespielt und gehört. Lennon war ein Hoffnungsträger und ich dachte: «ja, das ist es, das ist unsere Aufgabe als Theaterleute: wir müssen den Leuten wieder Hoffnung geben, es kommt eine Zeit da sind wir wieder alle zusammen». Darauf freue ich mich!



Was bedeutet die Corona-Pandemie für die verschiedenen Akteure der Schweizer Medien- und Kommunikationsbranche? Bis auf Weiteres wird persoenlich.com jeden Tag eine betroffene Person zu Wort kommen lassen. Die ganze Serie finden Sie hier



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