14.01.2020

Creative Economies

«Es entstehen neue kreativ-künstlerische Felder»

Die Zürcher Hochschule der Künste verfügt seit Kurzem über ein Kompetenzzentrum für Creative Economies. Managing Director Eva Pauline Bossow sagt im Interview, was sie als erstes anpackt und spricht über zukunftsträchtige Teilmärkte der Branche.
Creative Economies: «Es entstehen neue kreativ-künstlerische Felder»
«Mich persönlich beschäftigt das Themenfeld Kunst-Kultur-Wirtschaft schon lange»: Eva Pauline Bossow ist Managing Director des Zurich Center for Creative Economies. (Bild: Jessica Allemann)
von Michèle Widmer

Frau Bossow, Creative Economies – welche Branchen umfasst der Begriff überhaupt?
Dazu gibt es zwei Antworten. Klassischerweise zählt man zur Kreativwirtschaft verschiedene Teilmärkte – beispielsweise die Musik- und die Filmwirtschaft, der Architektur-, der Kunst- oder der Buchmarkt, der Werbemarkt aber auch die Software- und Games-Industrie. Hierzu werden regelmässig – unter anderem durch das Zurich Center for Creative Economies – Berichte mit Kennzahlen und Entwicklungen veröffentlicht. Das ist die eine statistisch fassbare Sicht.

Und die andere?
Bei näherem Hinsehen muss man feststellen, dass diese Einordnung nicht so einfach ist. Einerseits lassen sich die einzelnen Märkte nicht mehr scharf voneinander und von anderen Branchen abgrenzen. Andererseits arbeiten heute viele künstlerisch ausgebildete Menschen in nicht-kreativen Branchen (z.B. der Interaction-Designer in einer Bank) – und umgekehrt, in kreativen Bereichen arbeiten Nicht-Kreative (wie die Controllerin in einem Museum). Auch dafür können wir Zahlen ausweisen, nur schliesst sich ebenso rasch die Frage an – was heisst eigentlich «kreativ arbeiten»? Müssen das nicht heute alle Branchen tun? Im Zurich Centre for Creative Economies wurden deshalb neue, dynamische Modelle entwickelt, die sich genauer mit der effektiven Tätigkeit der Künstlerisch-Kreativen beschäftigen und die die Creative Economies zeitgemäss definieren.

«VR-, AR- und MR-Technologien machen das digitale Erleben von Museen und Kulturerbstätten möglich»

Welche kleinen aber zukunftsträchtigen Teilmärkte werden noch zu wenig gesehen?
Von den bekannten insgesamt 13 Teilmärkten läuft keiner unter dem Radar. Es entstehen an deren Schnittstellen aber neue künstlerisch-kreative Felder, die noch nicht so bekannt sind. Beispiel: VR-, AR- und MR-Technologien machen das digitale Erleben von Museen und Kulturerbstätten möglich. Dabei werden meist nicht nur die Orte 1-zu-1 abgebildet, sondern auch neue inhaltliche Zugänge geschaffen und interdisziplinär verknüpft. Um das zu realisieren, entstehen neue Bereiche.

Sie sollen die Kreativbranche um weitere, neue Felder ergänzen. Welche haben Sie da im Blick?
Wir wollen aufzeigen – wie oben benannt – dass neue Felder ausserhalb der traditionellen Teilmärkte existieren. Wir kreieren diese Felder nicht, sondern machen sichtbar, dass es sie gibt.

Welches sind gemessen an Umsatz und Anzahl Arbeitnehmer die grössten Branchen in diesem Bereich in der Schweiz?
Der Architekturmarkt, die Software- und Games-Industrie sowie die Musikwirtschaft liegen hinsichtlich Anzahl Beschäftigter vorne. Am umsatzstärksten sind die beiden Erstgenannten und der Pressemarkt. Ein Blick in unseren Schweizer Kreativwirtschaftsbericht 2018 lohnt sich, wenn man einen gesamthaften Überblick bekommen will – und auch, wenn einen die Diskussion um die eingangs gestellte Frage interessiert. Im Sommer veröffentlichen wir dann übrigens auch einen europäischen Bericht.

Welches sind die grössten Treiber mit dem schnellsten Wachstum?
Wie in anderen Branchen ist die Digitalisierung ein zentraler Treiber für Entwicklungen in beide Richtungen. Da die einzelnen Teilmärkte aber sehr heterogen sind, sind auch die jeweiligen Herausforderungen und Chancen hinsichtlich Produktion, Distribution, Wertschöpfungsprozessen und Geschäftsmodellen unterschiedlich.

«Meine erste Aufgabe ist es, eine sinnvolle Struktur für das ZCCE zu schaffen»

Sie haben im November die Leitung des Kompetenzzentrums übernommen. Was sind Ihre Hauptaufgaben? Und was packen Sie als erstes an?
Meine erste Aufgabe ist es, eine sinnvolle Struktur für das ZCCE zu schaffen, in der die vergangenen Aktivitäten einfliessen und die laufenden und zukünftig geplanten Aktivitäten stattfinden und sich entwickeln können. Eine moderne, flexible Organisationsform bietet sich dafür an. Gleichzeitig geht es darum, die Identität, die Positionierung und die strategische Roadmap des Kompetenzzentrum zu entwickeln. Als Teil der ZHdK übernehmen wir wichtige Aufgaben für die Hochschule und ihre Studierenden, sind aber auch in internationalen Forschungscommunities aktiv und verstehen uns als Schnittstelle zu Wirtschaft, Politik und Gesellschaft – all das gilt es klug zu setzen. Als Kompetenzzentrum soll das Zurich Center for Creative Economies erste Anlaufstelle für Fragen zu Bildung, Forschung und Beratung sein.

Mit welchen Verbänden, Instituten und Organisationen sind Sie dafür in regem Austausch?  
Als Kompetenzzentrum arbeiten wir mit verschiedenen Akteuren zusammen – im Rahmen der Digitalisierungsinitiative des Kantons Zürich (DIZH) mit den anderen Hochschulen. Wir stehen in Kontakt mit der Standort- und der Wirtschaftsförderung Zürich sowie mit den Statistischen Ämtern. Für das «Kompetenzzentrum Kultur- und Kreativwirtschaft» des deutschen Bundeswirtschaftsministeriums sind wir als enger Forschungspartner tätig. Die einzelnen Akteure des ZCCE haben ein noch grösseres Netzwerk, das sie für die Arbeit am ZCCE nutzen – dazu gehören unter anderem internationale Hochschulen in London oder Hongkong, die Innovationsstiftung Nesta sowie verschiedene Schweizer Universitäten.

Welches Budget steht Ihnen für Ihre Arbeit zur Verfügung? Und inwiefern unterstützen der Kanton und die Stadt Zürich das Zurich Center for Creative Economies?
Gründungspartnerin des Zurich Centre for Creative Economies ist die Zürcher Kantonalbank (ZKB). Sie hat für den Aufbau 1,9 Millionen Franken zur Verfügung gestellt, 900'000 Franken davon in der zweijährigen Aufbauphase. Etabliert sich das ZCCE erfolgreich, unterstützt die ZKB die Hochschule bis 2024 mit weiteren Beiträgen in der Höhe von 1 Million Franken. Eine Voraussetzung dafür ist, dass wir weitere Partner und Fördergelder gewinnen können. Ausserdem sind wir natürlich Teil der Zürcher Hochschule der Künste und Teil der Digitalisierungsinitiative (DIZH) und werden somit auch vom Kanton unterstützt.

Wie viele Mitarbeitende haben Sie in Ihrem Team?
Unser Team besteht aus der Professur, dem Z-Kubator-Team (Projekt- und Innovationsförderung für ZHdK-Studierende und -Angehörige), verschiedenen Forschenden, einem Datenanalysten und unterstützenden Mitarbeitenden – sowie aus einem breiten Netzwerk an internationalen Creative-Economies-Spezialisten. Aktuell suchen wir übrigens noch jemanden für den Bereich Kommunikation & Koordination.

Welche konkreten Zielvorgaben haben Sie für Ihre Arbeit erhalten, oder sich selber gesetzt?
Mich persönlich beschäftigt das Themenfeld Kunst-Kultur-Wirtschaft schon lange. Die Gelegenheit, jetzt ein Kompetenzzentrum aufzubauen, ist einmalig und sollten wir maximal nutzen. Ziel ist es, dass ZCCE international und national als führend für das Forschungsfeld Creative Economies zu etablieren.

Bis 2024 will das ZCCE eine Professur für Creative Economies sowie ein Senior Fellowship aufbauen. Was bringt das der Branche konkret?
Sowohl die Professur als auch das Fellowship-Programm werden in alle Wirkungsbereiche des ZCCE eingebunden sein – Forschung, Lehre und Angebote an interessierte Stakeholder wie öffentliche Institutionen und Unternehmen. Wie wir mit dem Branchenkomplex zusammenkommen werden, wird sich je nach Thema und Zielgruppe entwickeln. Wir sind hier sehr offen und freuen uns auf verschiedenste Kooperationen.

Eva Pauline Bossow hat die Fragen schriftlich beantwortet.



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