26.02.2021

Maurice Lévy

«Es wird eine Aufholjagd geben»

Der 79-jährige Maurice Lévy ist «Monsieur Publicis». Vor fünfzig Jahren trat er in das Unternehmen ein, 1987 übernahm er als Nachfolger von Marcel Bleustein-Blanchet die Führung der Publicis Group SA. Jetzt ist er deren Aufsichtsratsvorsitzender.
Maurice Lévy: «Es wird eine Aufholjagd geben»
«Werbung hat sich schon immer der Zeit, den Technologien und den gesellschaftlichen Veränderungen angepasst», sagt Maurice Lévy. Er schaut verhalten optimistisch in die Zukunft. (Bild: zVg.)
von Matthias Ackeret

Herr Levy, Sie sind das Gesicht von Publicis, einer der grössten Werbeagenturen der Welt. Sie sind in Paris ansässig. Wie erleben Sie derzeit die Atmosphäre in Frankreich?
Ich kann mir nicht vorstellen, dass es sehr anders ist als in anderen europäischen Ländern: Es gibt psychologische Spannungen und Schwierigkeiten in der Funktionsweise der Unternehmen, was sich auf die Mitarbeitenden auswirkt. Zudem ist das Leben bei uns in Paris durch Ausgangssperren eingeschränkt. Viele Orte, an denen sonst Menschen leben oder arbeiten, sind geschlossen.

Aber reagieren alle gleich auf die Krise?
Ich sehe vor allem drei Gruppierungen. Es gibt viele Kranke, die in der jetzigen Situation gesundheitlich leiden. Auf der wirtschaftlichen Seite gibt es viele kleine Unternehmen und Geschäfte, die um ihre Existenz kämpfen. Daneben gibt es die Asymptomatischen: Diese sind krank, werden leiden, wissen es aber noch nicht, und dann existiert noch der Rest der Bevölkerung, der zwischen Angst und Sorglosigkeit hin- und herpendelt. Obwohl die Krise alle betrifft, ist die Moral unterschiedlich stark, das gilt sowohl für die Menschen wie auch die Unternehmen. Unsere Regierung hat sehr grosszügige – vielleicht sogar zu grosszügige – finanzielle Entscheidungen getroffen, die momentan wie eine Narkose wirken. Es ist aber ein böses Erwachen zu befürchten, mit Insolvenzen und erheblichen Schulden auch für Unternehmen, von denen vor einem Jahr niemand dachte, dass sie einmal auf der Kippe stehen werden.

Wie sehen Sie den Werbemarkt im Jahr 2021? Wird es zu grösseren Rückgängen kommen?
Da der Markt im Jahr 2020 sehr gelitten hat, wird es eine Aufholjagd geben. Die Frage ist nur, wie gross das Ausmass dieser Erholung sein wird. Vor ein paar Wochen war ich noch sehr optimistisch: Die Impfstoffe sind da, die Pandemie scheint unter Kontrolle zu sein, und wir konnten zu Recht hoffen, dass die Erholung deutlich ausfallen wird, zumal die Moral der Arbeitgeber hoch ist und die Verbraucher über grosse finanzielle Reserven verfügen. Die britischen, südafrikanischen und brasilianischen Virus-Varianten, die in den letzten Wochen aufgetaucht sind, sind ein massiver Dämpfer und machen die Leute vorsichtiger. Ich bin immer noch sehr positiv, was das Wachstum angeht, aber weniger über dessen Umfang.

«Das Wichtigste in der Welt von gestern, heute und morgen ist die Kreativität in all ihren Formen.»

Welche Auswirkungen hat Corona auf Publicis als ein weltumspannendes Unternehmen?
Zunächst einmal werden das Virus und die Pandemie überall wahrgenommen, also ausnahmslos auf der ganzen Welt. Nur sind deren Folgen in unterschiedlichem Masse erkennbar. Die ganzen Einschränkungen – ob behördlich vorgeschrieben oder nicht – haben zur Entdeckung der digitalen Arbeitsweise mit ihren positiven Aspekten (Sicherheit, Zeitersparnis, Transport) und ihren Schwierigkeiten (mangelnde Geselligkeit, Spontaneität und Schwierigkeiten im Homeoffice) geführt. Viele Kunden mussten wegen Covid-19 und der ganzen Folgen ihre Kampagnen abändern. Trotz Budgetkürzungen oder
-einschränkungen mussten wir hart arbeiten, um das zu «liefern», was am meisten gefragt war: neue Ideen, Anpassung an die neue Situation und Aufmerksamkeit für die Probleme. Kurzum, es gab viele Hindernisse zu überwinden, um sich neu zu erfinden.

Wird die Werbung in ihrer traditionellen Form nach Corona zurückkehren?
Werbung hat sich schon immer der Zeit, den Technologien und den gesellschaftlichen Veränderungen angepasst. Dies ist auch jetzt der Fall und zeigt sich sowohl in den digitalen wie auch in den traditionellen Märkten. Kreativität in der jetzigen Zeit soll für die Bevölkerung auch eine Resonanz auf deren Gemütszustand und Moral geben.

Glauben Sie, dass wir nach der Pandemie wieder den alten Zustand vor Corona haben werden?
Nein, die aktuellen Trends sind unumkehrbar. Die Digitalisierung mit der zunehmenden Bedeutung der Daten und der ganzen Technologie hat sich nicht zuletzt wegen Corona weltweit etabliert. Diese Entwicklung wird sich in den nächsten Jahren zusätzlich fortsetzen, ja beschleunigen. Wo sich unser Unternehmen von den anderen Mitbewerbern abhebt, ist die Tatsache, dass wir mit Publicis Epsilon bei den Daten und mit Publicis Sapient bei der Technologie fortschrittlicher und besser ausgestattet sind. Wir sind bereit, uns den Herausforderungen der zukünftigen Entwicklung und des Fortschritts zu stellen. Das Wichtigste in der Welt von gestern, heute und morgen ist die Kreativität in all ihren Formen. Und das drückt sich im Moment sehr gut aus.

«Wir Werber haben eine gesellschaftliche Aufgabe, die anspruchsvoller denn je ist.»

In welche Richtung entwickelt sich die Werbung? Wird es in fünf oder zehn Jahren noch klassische Werbeagenturen geben?
Werbung entwickelt sich in allen Bereichen, in denen es Wettbewerb gibt und in denen der Konsum wächst: Medien, Kultur, Konsum, Telekommunikation, Automobilbranche mit ihren ökologischen Herausforderungen, Energie, Finanzen und so weiter. Überall. Für die Medien ist die reichhaltigste und interessanteste Entwicklung zweifelsohne jene der sozialen und elektronischen Medien und Netzwerke sowie die der Eins-zu-eins-Beziehung, die vor allem auf Daten basiert.

Und was ist mit den klassischen Agenturen?
Es gibt heute noch einige, es wird auch morgen noch einige geben. Die erfolgsträchtigsten Agenturen werden aber jene sein, die in der Lage sind, gut auf die Bedürfnisse der Werbetreibenden mit all ihren Ansprüchen zu reagieren, und denen es gelingt, rentabel in einer von Plattformen dominierten Welt zu arbeiten.

Konkreter?
Der entscheidende Punkt wird die Alchemie sein, das Zusammenführen von Technologie und Kreation; von Rationalem und Emotionalem; von Klassik und Avantgarde. Diese Kreuzung mit soliden menschlichen Werten wie Respekt, Gleichheit und Vielfalt wird wesentlich sein, um in der Welt von morgen zu existieren, die Gleichheit, Gerechtigkeit und Respekt verlangt. Wir – die Werber – haben eine gesellschaftliche Aufgabe, die anspruchsvoller denn je ist.

«Man sollte den Respekt vor dem Gegenüber nicht verlieren.»

Werden die Cannes Lions 2021 wie geplant stattfinden?
Ja, ich denke schon. Die Absage des Festivals von 2020 war spürbar. Es scheint mir aber unerlässlich, dass sich die Cannes Lions neu erfinden, das heisst nüchterner und kreativer werden und vor allem wieder auf den Power to the Talents setzen.

Publicis Schweiz befindet sich derzeit in einer massiven Umstrukturierung. Was erwarten Sie von der grössten Agentur der Schweiz?
Seit ich Vorsitzender des Aufsichtsrats bin, versuche ich, Kommentare zum operativen Geschäft zu vermeiden. Dies auch aus Respekt vor den verschiedenen Funktionen. Operative Entscheidungen werden vom Management getroffen, die strategische sowie die ganze Governance-Verantwortung obliegt dem Aufsichtsrat, den ich jetzt führe.

Was war für Sie die prägendste Erfahrung in den letzten Monaten?
Ich bin immer wieder erstaunt über den Menschen, seine Eigenschaften, seine Belastbarkeit und manchmal auch seine Fehler. Es ist spannend, wie die Bevölkerung auf das Virus, die Enge, die eigenen Ängste oder Befürchtungen reagiert. Das ist wirklich äusserst lehrreich und sagt viel über den Zustand unserer Gesellschaft aus. Dabei sollte man auch den Respekt vor dem Gegenüber nicht verlieren. Damit appelliere ich an jene Menschen, die den behördlichen Verboten trotzen, weil sie glauben, sie seien intelligenter als die anderen. Das Einzige, was sie damit beweisen, ist Egoismus.



Die Publicis-Gruppe gehört zu den drei grössten Werbedienstleistern der Welt, ist in 229 Städten und 109 Ländern vertreten und zählt rund 80'000 Mitarbeitende. Maurice Lévys Büro befindet sich direkt gegenüber dem Arc de Triomphe. Zudem ist er Präsident der französischen Arbeitgebervereinigung Afep.

Das vollständige Interview lesen Sie in der aktuellen Februar-Ausgabe des persönlich-Printmagazins.



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