10.01.2021

Serie zum Coronavirus

«Wir haben Alain Bersets E-Mail aufgeschaltet»

Der Schaffhauser Werber Mäni Frei berät ein Restaurant im Klettgau. Jetzt ist er sauer, wie er in Folge 149 unserer Serie sagt. Er erwartet vom Bund ein feinfühligeres Vorgehen.
Serie zum Coronavirus: «Wir haben Alain Bersets E-Mail aufgeschaltet»
«Es herrscht ein Informationschaos», so Mäni Frei, Inhaber von Frei, Partner Werbeagentur und Präsident des Verwaltungsrates der Bergtrotte Gastronomie AG. (Bild: zVg)
von Matthias Ackeret

Mäni Frei, Sie haben eine Werbeagentur und betreiben im schaffhausischen Klettgau die berühmte «Bergtrotte Osterfingen». Kann man Sie als Beizer bezeichnen?
Mein Engagement in der Bergtrotte Osterfingen basiert auf einem Beratungsmandat und einer engen Beziehung zur Region seit meiner Jugend. Heute bin ich Präsident des Verwaltungsrates der Bergtrotte Gastronomie AG. Es war nie mein Ziel, Beizer zu werden.

Trotzdem sind Sie hautnah vom Schliessungsentscheid des Bundesrates betroffen. Wie schätzen Sie die momentane Situation der Gastronomie ein?
Was die Schweizer Gastronomie zurzeit durchmachen muss, ist unglaublich. Bund und Kanton wirken hilflos – die angeordneten Massnahmen sind impulsiv und nicht langfristig. In meiner beruflichen Tätigkeit bin ich es gewohnt, Massnahmen klar zu begründen und einen plausiblen Weg aufzuzeigen. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) agiert aus meiner Sicht chaotisch.

Es ist auch keine einfache Situation …
Auf der einen Seite ist es verständlich, dass die Behörden bei der Pandemie-Eindämmung im Nebel tappen. Gerade in solchen Situationen ist es ratsam, ruhig und besonnen zu agieren. Doch was macht das BAG? Es ergreift die einfachste Massnahme: Schliessen der Gastronomiebetriebe. Bringt dieser Befehl die gewünschte Wirkung? Kaum, denn Bars und Restaurants machen gemäss BAG-Statistik nur gerade 1,6 Prozent der bekannten Ansteckungsorte aus.

«Bund und Kantone spielen sich aber lieber gegenseitig die heissen Kartoffeln zu»

Was erwarten Sie dann konkret vom Bundesrat?
Seit letztem Frühjahr befolgen die Schweizer Gastronomen brav alle Sicherheitsanordnungen des BAG. Und Gäste ebenso wie Mitarbeitende zeigen dafür grosses Verständnis. Als Dank dafür verhängt das BAG weitere Shutdowns! Ich erwarte vom BAG und von der Expertengruppe ein feinfühligeres Vorgehen. Ich möchte bei jeder Massnahme aufgezeigt bekommen, was die Folgen sind und wie gross der Nutzen ist. Bund und Kantone spielen sich aber lieber gegenseitig die heissen Kartoffeln zu. Es herrscht ein Informationschaos, und man spürt: Der Bundesrat hat keine Erfahrung, wie man mit solchen Situationen umgeht.

Wie gross ist der Schaden, den Sie momentan erleiden?
Gross. Wir leiden sehr unter der aktuellen Situation. Eine mittelfristige Planung ist weder im Restaurant noch im Bankettbereich möglich. Bis Oktober wären die Banketträume an jedem Samstag ausgebucht – wenn wir denn die Gäste bedienen dürften. Pro Monat kostet uns der Lockdown rund 60'000 Franken. Eine Ausfallentschädigung wurde zwar in Aussicht gestellt. Doch ob, in welcher Höhe und unter welchen Voraussetzungen diese ausbezahlt wird, ist offen. Aus meiner Sicht muss der Bundesrat für den angerichteten Schaden bezahlen, denn er hat die Schliessung der Restaurants angeordnet. Das Geld ist aber nur die eine Seite. Viel wichtiger sind die Menschen – die Mitarbeitenden und die Gäste. Die Unsicherheit ist für alle demotivierend und lähmt Enthusiasmus und Initiative.

Sie haben Ihre Gäste aufgefordert, an Bundesrat Berset zu schreiben. Was waren die Reaktionen aus Bundesbern?
Ja, auf der Webseite der «Bergtrotte» haben wir das E-Mail von Bundesrat Alain Berset aufgeschaltet. Wir fordern die Gäste auf, ihm zu schreiben, falls sie mit der Schliessung nicht einverstanden sind. Ob dieses Angebot auch genutzt wird, wissen wir nicht.

bergtrotte


Wie nutzen Sie die Jetzt-Zeit?

Die «freie» Zeit – während des Lockdowns – nutzen wir für die Mitarbeiterschulung, für die Entwicklung neuer Angebotskonzepte und für die Umsetzung von Marketing-Massnahmen. Ich bin der festen Überzeugung, dass unser Betrieb wieder gut läuft, sobald der Corona-Spuk vorbei ist und der Bundesrat uns mit den bereits vorhandenen, funktionierenden Schutzkonzepten arbeiten lässt.

Was war für Sie das prägendste Erlebnis der letzten Monate?
Dass die Gäste so grosses Verständnis gegenüber unseren Schutzmassnahmen zeigen.



Was bedeutet die Corona-Pandemie für die verschiedenen Akteure der Schweizer Medien- und Kommunikationsbranche? Bis auf Weiteres wird persoenlich.com regelmässig eine betroffene Person zu Wort kommen lassen. Die ganze Serie finden Sie hier.

 

 



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