28.02.2021

Grossmutter-Fail

Botschafter beschweren sich bei CH Media

Über 120 internationale Botschafter stören sich daran, dass die Zeitungen die neue Direktorin der Welthandelsorganisation, Ngozi Okonjo-Iweala, auf ihre Rolle als «Grossmutter» reduziert haben. Das Medienhaus bestätigt den Erhalt des Briefes und wird ihn beantworten.
Grossmutter-Fail: Botschafter beschweren sich bei CH Media
Wurde von den CH-Media-Zeitungen zur «Grossmutter» reduziert: Ngozi Okonjo-Iweala. (Bild: Keystone/Gian Ehrenzeller)

Über 120 internationale Botschafter haben sich in einem Brief an CH Media über einen Artikel von Anfang Februar beschwert. Die Zeitungen hatten im Titel die neue Direktorin der Welthandelsorganisation, Ngozi Okonjo-Iweala, auf ihre Rolle als «Grossmutter» reduziert.

Der Brief, der der Nachrichtenagentur Keystone-SDA vorliegt, war am Freitagabend von der österreichischen Uno-Botschafterin und letztjährigen Präsidentin des Uno-Menschenrechtsrats, Elisabeth Tichy-Fisslberger, präsentiert worden. Er wurde von 124 Botschafterinnen und Botschaftern sowie Direktoren von internationalen Organisationen unterzeichnet.


Diese beklagten darin, dass die Zeitungen von CH Media Anfang Februar in ihrem Artikel über die Nigerianerin Okonjo-Iweala, die erste Afrikanerin an der Spitze der WTO, Absolventin der Universitäten Harvard und MIT und ehemalige Finanz-, Wirtschafts- und Aussenministerin von Nigeria, mit der Überschrift «Diese Grossmutter wird neue Chefin der Welthandelsorganisation» degradiert hätten.

«Abwertend und herabsetzend»

Die Unterzeichnenden hätten sich bei der Lektüre die Frage gestellt, was für eine Informationspolitik einen solche Präsentation inspiriert habe: «Ist dieser Titel wirklich der bessere Blickfang als ihre aussergewöhnliche Karriere?»

Und sie fragten die Verantwortlichen, ob sie es denn als nützlich erachteten für die sehr engagierte internationale Schweizer Politik, Persönlichkeiten in so «abwertender und herabsetzender» Weise zu beschreiben.

Bereits zuvor hatten mehrere hohe afrikanische Uno-Repräsentatinnen der Zeitungsgruppe «Rassismus» und «Sexismus» gegen die neue WTO-Chefin vorgeworfen. Und auch der britische Uno-Botschafter hatte die Diskriminierung bedauert.

Brief ist bei CH Media angekommen

«Wir haben den Brief erhalten und werden ihn beantworten», sagt Stefan Heini, Leiter Unternehmenskommunikation von CH Media, am Samstag auf Anfrage von persoenlich.com. Wie es bei Briefen im Grunde üblich sei, werde CH Media das aber nicht öffentlich tun. Heini: «Bei dieser Gelegenheit möchten wir gerne daran erinnern, dass wir den fraglichen Titel schon vor einiger Zeit korrigiert und öffentlich um Verzeihung gebeten haben.»

Nach der Entrüstung in den sozialen Medien hatte sich die Aargauer Zeitung auf Twitter entschuldigt. Und auch der publizistische Leiter von CH Media, Pascal Hollenstein, sagte gegenüber persoenlich.com, «es tut uns leid». Der Titel sei «keinesfalls in böser Absicht» entstanden und die Titelsetzung nicht rassistisch motiviert gewesen. Der Titel wurde online angepasst. (sda/cbe)

 



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Kommentare

  • Cyril Meier, 01.03.2021 10:10 Uhr
    Über 120 internationale Botschafter (Botschafterinnen?) stören sich öffentlich-brieflich an einem CH-Media-Boulevard-Schlagzeilen-Tiefpunkt. Gut so. Dies ist sicherlich der Auftakt zu regelmässigen Gruppenprotesten auch gegen anderweitige Missstände in der Welt, welche diesen diplomatischen Würdenträgern bisher offenbar entgangen sind.
  • Robert Weingart , 27.02.2021 13:31 Uhr
    Solch ein Titel darf nicht verwundern, wenn man weiss, wieviele ehemalige Blick-Leute im Wanner-Imperium angestellt wurden. Da leidet halt die Qualität. Der titelgebende Journalist gehört entlassen.
  • Adrian Lüthi, 27.02.2021 13:18 Uhr
    Ein trauriger Aussetzer seitens CH-Media - sich hinterher halbherzig enschuldigen zu wollen ist nicht glaubwürdig: warum nicht vorher den gesunden Menschenverstand einschalten? Der Titel sei "keinesfalls in böser Absicht" entstanden; genau diese Aussage wirkt wenig überzeugend.
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