TV-Kritik

Blick ist wieder dabei

«Blick ist dabei» war lange Zeit der Slogan der Schweizer Boulvardzeitung. Jedes Schulkind kannte den Werbespruch. Seit vielen Jahren hat diese Devise nicht mehr die gleiche Gültigkeit wie früher. Blick war einst die grösste Schweizer Tageszeitung. Und das meistzitierte Medium des Landes. Heute wird SRF häufiger nachgebetet. In der Politik- und Wirtschaftsberichterstattung ist die Konkurrenz  mit Scoops unverzichtbarer geworden – und lässt Blick oft im Regen stehen. Nicht zuletzt dank Recherchepools. Indes: Mit der Lancierung des ersten hiesigen Onlinefernsehsenders hat Blick einen gewaltigen Schritt vorwärts und eine grosse Investition für die TV-Zukunft gemacht.

Seit dem Start am 17. Februar schaue ich regelmässig bei Blick TV rein. Bislang empfinde ich dies noch kaum als Zeitverlust. Mir war von Anfang an klar, dass sich Chief Jonas Projer und meine früheren Kollegen von der Zürcher Dufourstrasse nicht blamieren werden. Am positivsten überrascht haben mich die meist noch wenig bekannten Moderatorinnen und Moderatoren im Blick-Newsroom. Sie sind vorwiegend jung, aufgestellt, attraktiv und kommen täglich etwas versierter und routinierter rüber. Was auf den ersten Blick auffällt: Die sechs Aushängeschilder sind top gestylt. Diesbezüglich kann sich SRF ein Beispiel nehmen. Und TeleZüri noch viel mehr. Die schlechten Beispiele bei den beiden Sendern kann jeder Zuschauer ganz leicht selber entdecken. Es scheint, als würden ein paar vor der Kamera alte Kleider von Heidi Abel und Paul Spahn selig austragen.

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Mit dem Geplänkel und der Freude am lauten Nachdenken am Moderationstisch sollte das Team von Blick TV sparsamer umgehen. Wenn schon, müssen die Kommentärchen originell und lustig sein. Vorteil des Senders: er kann jederzeit auf die grosse Blick-Redaktion zurückgreifen. Allerdings gibt es dort ein paar schreibende Kollegen, die weit davonrennen sollten, wenn in der Nähe eine Kamera läuft. Für mich bringt das Blick-Fernsehen auf dem Computerbildschirm mehr als auf dem Smartphone. Die verspätete Untertitelung stört mich wie viele andere, mit denen ich geredet habe.

Dienlich, dass Blick TV wie das «echte» Fernsehen zurückgespult werden kann. Wer sich darüber ärgert, dass sich Werbeclips nicht wegklicken lassen, hat nicht die geringste Vorstellung davon, was ein Fernsehen mit rund 50 Mitarbeitenden kostet. Und dass Ringier damit dereinst viel Geld verdienen will. Und muss. Es ist über 30 Jahre her, als Blick und SonntagsBlick noch einen jährlichen Gewinn von rund 40 Millionen Franken erwirtschafteten. Blick hatte damals eine Auflage von knapp 400'000 Exemplaren. Heute sind es noch etwas über 100'000.

Das siebzehnstündige Programm von Blick TV wird derzeit sehr stark von immer neuen Fällen und den massiven Auswirkungen des Coronavirus bestimmt und geprägt. Wie im gedruckten Blick hat jedoch alles Platz im Internetfernsehen von Ringier: vom Rassismus an der Fasnacht über das Weinstein-Urteil bis zu Quereinsteigern in der Schweizer Hotellerie, dem bösen und darum eingeschläferten Muni des Schwingerkönigs, Sport- und People-Geschichten sowie prominenten Gästen im Studio. In den besten Zeiten hatte Blick Korrespondenten mit Fixum in Amerika, England, Skandinavien, Frankreich, Deutschland, Österreich und Italien. Immerhin: Blick TV schickt bei Grossereignissen (Fasnachtsanschläge, Pandemie) VJs ins Ausland. Gut so, muss sein. Es ist ja klar: Wenn ich vertieft und in möglichst grosser Breite über das Geschehen im In- und Ausland informiert werden will, brauche ich nach wie vor die NZZ.

Die Branche ist gespannt auf erste Nutzerzahlen und die Entwicklung des Onlinesenders in den nächsten Monaten. Es kann gelingen. Einen ersten kurzen Applaus hat Blick TV schon mal verdient. Ob Ringier oder Tamedia: jeder Verlag verdient Respekt, der in diesen harten Zeiten gross investiert. CH Media tut es in das klassische Fernsehen. Ringier setzt auf das Fernsehen der Zukunft.


René Hildbrand
René Hildbrand ist Journalist, langjähriger Fernsehkritiker und Buchautor. Während 27 Jahren war er für «Blick» tätig, danach Chefredaktor von «TV-Star».

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