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Das Scheissegal-Prinzip

Matthias Ackeret

Als der sattsam bekannte Carl Hirschmann dieser Tage wegen des dringenden Verdachtes auf Sex mit einer Minderjährigen verhaftet wurde, stockte sogar sein hauseigenes Propagandadepartement. Erst Stunden später liess sein Pressesprecher verlauten, dass Hirschmann vor dem angeblichen Geschlechtsakt noch eine Ausweiskontrolle vorgenommen habe. Leider erfolglos. Es war ein letzter, wohl untauglicher Versuch, aus einem unbelehrbaren Tunichtgut einen verantwortungsvollen Bonvivant zu machen. Trotzdem stellt sich die Frage: Ist es überhaupt möglich, einen Millionärssohn mit Grosskotzattitüden PR-mässig erfolgreich zu verteidigen? Immerhin muss man dem 30-jährigen «Playboy der Nation» («Weltwoche») zugestehen, dass er lange auf die Waffe PR gesetzt hat und sich von dieser einen Imagewandel erhofft hat. So trat Hirschmann mit seinem PR-Chef Sacha Wigdorovits, einem der erprobtesten Krisenexperten der Branche, bei Tele Züri auf, um sich als männliche Mutter Teresa mit neurologischer Störung zu exkulpieren. Ein Versuch, der – wie obiges Beispiel zeigt – nur minimal gelungen ist. Die Causa Hirschmann ist ein Lehrstück, dass PR vieles kann, aber nicht alles; besonders, wenn sich der Protagonist als notorischer Querschläger entpuppt. Eigentlich müsste man über diese Erkenntnis dankbar sein, vor allem in Zeiten, in denen unsere Medien von professionellen Verschönerungsartisten bedrängt werden. Ganze Heerscharen von Kommunikationsexperten überlegen sich täglich, wie sie ihre Auftraggeber im besten Licht präsentieren. Deren Leitmotiv: «Der Schein bestimmt das Bewusstsein.» Vielleicht könnte man diesbezüglich für einmal aber von den Bankern lernen. Diese buhlen längst nicht mehr um Öffentlichkeit, sondern setzen ganz dreist auf das «Scheissegal-Prinzip». So wurde bei den jüngsten Abzockergehältern nicht einmal mehr der Versuch einer Rechtfertigung unternommen.
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