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Ein Brief zum 75. Geburtstag der «Zeit»

Peter Hartmeier

Liebe «Zeit»-Macherinnen und Macher

Helmut Schmidt hat als Herausgeber die «Zeit» fast so stark geprägt wie die grossartige Marion Gräfin Dönhoff: Sie legte in den 50er-Jahren nach einem internen Machtkampf die politische Grundlage Ihres jubilierenden Blattes.

In der eben erschienenen Geburtstagsausgabe haben Matthias Nass und Theo Sommer in Büchern, Interviews und anderen Publikationen nach Zitaten geforscht: Was würde Helmut Schmidt uns wohl heute sagen? Auf die Frage «Könnten Sie jemanden küssen, der aus Ihrer Sicht falsch wählt» gibt Helmut Schmidt laut Nass und Sommer folgende Antwort: «Man muss nicht immer gleicher Meinung sein.»

Mit der Antwort auf die Kuss-Frage erklärt der verstorbene «Zeit»-Herausgeber und Bundeskanzler in diesen sieben Worten, warum die Leserinnen und Leser Ihre Zeitung lieben und achten – mehr noch: Warum Menschen wie ich sie immer auch als ein Vorbild betrachtet haben. Die «Zeit» kultivierte im Laufe der Jahrzehnte die Fähigkeit, andere Meinungen zuzulassen und gleichzeitig mit sprachlicher Grandezza und klugem Witz die eigene Position zu formulieren.

Deshalb lesen wir sie in der Schweiz so gerne – und lernen von Ihnen. Ausgabe für Ausgabe.

Im Leitartikel Ihrer Jubiläumsausgabe plädiert Chefredaktor Giovanni di Lorenzo für die Fähigkeit, «partei- und lagerübergreifend einen Austausch zu organisieren» und bisweilen auch die eigenen Freunde und Freundinnen zu stören. Diese Art von Journalismus ist in der ganzen Welt unter Druck geraten – auch in unserem Land. Die gebildete Leserschaft, die sich freut, intellektuell herausgefordert und gestört zu werden, muss in jeder Generation neu heranwachsen, sie muss dazu erzogen werden – ob sie dann Print-Titel oder Onlinemedien nutzt spielt keine Rolle.

Wir alle wissen um die Auswüchse, die sich mit dem Reizwort «Identitätspolitik» verbinden: Die Ereignisse in der New York Times zeigen, wie fanatisch interpretierte «Political Correctness» sogar einen Leuchtturm der liberalen Publizistik erschüttern kann.

Und eben deshalb brauchen wir auch in Zukunft diese durch und durch liberale Interpretation von Journalismus, wie ihn Ihre «Zeit» praktiziert: In einer Epoche, in der bisweilen Häme fehlende Recherche überdeckt, bleibt Ihr Medium unersetzbar – sowohl in der Argumentationsfähigkeit als auch in der stilistischen Eleganz.

Ich weiss, dass es vielen «Zeit»-Lesern und -Leserinnen ähnlich ergeht: Ihre Zeitung begleitet ganze Familien während Generationen. Als ich als junger Journalist während der 80er-Jahre für die damalige Weltwoche Deutschland beobachtete, fragte mich mein Vater jeweils besorgt, ob ich in meinem Vertrauen in die Stabilität der alten Bundesrepublik nicht zu naiv sei: «Glaubst Du wirklich, dass die Deutschen standfeste Demokraten geworden sind?»

Ich reichte ihm dann jeweils die Artikel von Marion Gräfin Dönhoff oder Theo Sommer, denen er mehr traute als jenen von mir. Jetzt, 35 Jahre danach, beobachte ich, wie meine erwachsene Tochter «Die Zeit» liest; entsprechend wundert es mich nicht, dass Ihr Blatt die höchste Auflage seiner Geschichte melden kann. Die nächste Generation ist Ihnen offensichtlich sicher. Ein schöneres Geburtstagsgeschenk konnten Sie sich nicht machen.

Ich gratuliere Ihnen im Namen aller drei Generationen.

Peter Hartmeier



Peter Hartmeier ist Publizist und Berater sowie Teilhaber von Lemongrass Communications in Zürich.

Unsere Kolumnistinnen und Kolumnisten vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion

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