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Psychosprache erkennen und daraus lernen

Marcus Knill

Werden Sie hellhörig, wenn die Sprache blass und leer ist, wenn sie den Plural liebt und masslos übertreibt. Dann handelt es sich meist um die verbreitete Psychosprache.

Ich vergesse ein Seminar nie mehr, in dem die Leiterin bat, Zweiergruppen zu bilden. Die Paare mussten sich stehend drei Minuten lang in die Augen schauen, ohne etwas zu sagen. Dann wurde gefragt, was sie bei diesem intensiven Augenkontakt empfunden hatten.

Ich staunte, was da alles zu hören war. Jemand sagte: «Das war schlimm. Das hat mich wahnsinnig betroffen gemacht.» Eine Teilnehmerin fragte, wenn schon dieser Augenkontakt wahnsinnig betroffen gemacht habe, was man dann sagen würde, wenn ein Angehöriger gestorben sei. Sie ergänzte kritisch: «Ist diese Formulierung nicht übertrieben?» Die Seminarleiterin ging auf diesen Hinweis gar nicht ein.

Ich habe festgestellt, dass in der Psychoszene blasse und vage Formulierungen («Damit kann ich irgendwie etwas anfangen») mit Übertreibungen wettgemacht werden («Mir kamen ungeheure Aggressionen hoch»). Zudem liebt die Psychosprache den Plural. Man hat kein Gefühl, sondern Gefühle. Von Unsicherheiten, Behinderungen, Problemen, Krisen, Sehnsüchten ist die Rede. Die Mehrzahl wirkt wohl eindrucksvoller. Eine Depression genügt nicht, es müssen Depressionen sein. Hinter der Psychosprache kann man sich gut verschanzen.

Kommt dazu, dass die Wörter nicht neutral sind. Sie enthalten heimliche Bewertungen. Sich einbringen und öffnen ist gut. Panzerungen, Verkrustungen müssen aufgebrochen werden. Schweigen ist schlecht. Wir müssen spontan sein. Doch sollten wir wissen, dass erzwungene Spontanität gar keine sein kann. Watzlawick lässt grüssen.

Es gibt doch Situationen, in denen ich mich lieber gar nicht einbringen möchte – oder es gibt Gefühle, denen ich nicht nachgeben will. Müssen wir immer auf alle Menschen zugehen? 1983 schon hatte der Journalist Dieter E. Zimmer über das leerste aller Leerwörter geschrieben: über das Wort Beziehung, das in der Psychosprache ständig verwendet wird, da es nie falsch ist, aber auch nichts Genaues besagt. Ich zitiere ihn: «Es ist, als spräche jemand von der Zubereitung einer Gemüsesuppe so: Man nehme etwas Festes und tue es in etwas Flüssiges und lasse irgendwie Wärme darin hochkommen. Immerzu möchte man rückfragen: Ja bitte? Wer? Wann? Wen? Was? Wo? Wie?» Dieter Zimmer zeigt mit dieser Geschichte, dass mit der Psychosprache nicht gesagt wird, um welches Problem, um welche Erfahrung es sich konkret handelt.

Was wir aus diesen Beobachtungen lernen können: Sprechen wir konkret. Schildern wir ein Erlebnis, anstatt von Erlebnissen zu reden. Verzichten wir auf Übertreibungen. Suchen wir treffende Wörter und bedenken wir, dass in der Kürze die Würze liegt.



Marcus Knill ist Experte für Medienrhetorik, Coach, Dozent und Autor von rhetorik.ch.

Unsere Kolumnistinnen und Kolumnisten vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

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