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Traum vom klassenlosen Theater

Matthias Ackeret

Das beste Theater liefert das Theater selbst. So auch geschehen bei der Zoom-Debatte um die künftige Nutzung des Zürcher Schauspielhauses. Titel: Was braucht der Pfauen der Zukunft aus künstlicher Perspektive? Der Hintergrund ist bekannt: Der Zürcher Stadtrat will den traditionsreichen Saal für 115 Millionen Franken zerstören, dagegen hat sich Widerstand gebildet, unter anderem vom Komitee «Rettet den Pfauen», das der Schreibende mitinitiiert hat. Entscheiden muss jetzt der Zürcher Gemeinderat.

Die Debatte zeigte vor allem eines, wie gross der Graben zwischen künstlerischem Anspruch und Traditionsbewusstsein ist. Die Befürworter des Abrisses: Der charmante Benjamin von Blomberg (Co-Intendant Schauspielhaus) und Barbara Ehnes (international anerkannte Bühnenbildnerin) waren sorgsam ausgeleuchtet, der Gegner und Befürworter des jetzigen Saales, der Schweizer Regisseur Stephan Müller, argumentierte sozusagen aus der Tiefe des Raums, dem Dunkel des Homeoffice (siehe Bild unten). Trotzdem: Müller argumentierte klar, fundiert und prägnant, was aber niemand von seinen Gesprächspartnern so richtig hören wollte. Lag es am Zoom?

Wobei anzuführen ist, dass Frau Ehnes, die am vehementesten den Abbruch forderte, längst wieder in Berlin ist und von Blomberg – nach eigenen Worten – bei der Wiedereröffnung des Schauspielhauses höchstwahrscheinlich gar nicht mehr in Zürich arbeiten wird.

«Liebe, das wissen wir aus der Kulturgeschichte, ist nicht immer erklärbar»


Der Co-Intendant des Schauspielhauses erklärte mehrfach, wie fest er den Pfauen liebe und auch seine spezielle Magie schätze. Warum er bei dieser Gefühlswallung so vehement für den Abbruch plädiert, bleibt sein Rätsel. Doch Liebe, das wissen wir aus der Kulturgeschichte, ist nicht immer erklärbar. Von Blombergs Argumente: die Arbeitsbedingungen am Pfauen seien katastrophal und lösten bei den Bühnenarbeitern Angstzustände aus. Oder wie heisst es so schön auf den Medikamentenpaketen: Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie am besten Ihren Arzt oder Apotheker. Die Frage ist nur, ob dieser – im Fall Pfauen – die richtige Diagnose trifft. Zudem widerspiegle der Zuschauersaal laut von Blomberg ein «problematisches Gesellschaftsmodell», weil es bessere und weniger gute Plätze gäbe. Für ihn – den Intendanten – sei der Pfauen das Beispiel für einen «undemokratischen Ort», was doch ein bisschen absurd ist, da ausgerechnet der Pfauen während der Nazizeit die einzig freie Bühne Europas war, ein künstlerisches Bollwerk gegen die undemokratischen Tendenzen in Deutschland.

Das wäre die Chance für die Moderatorin, SRG-Redaktorin Melanie Pfändler, gewesen zu intervenieren, um auf die glorreiche, vielleicht manchmal auch verklärte, jedenfalls stattgefundene Geschichte des Pfauens hinzuweisen. Sie hat es nicht getan. Vielleicht ist sie dem Charme der Idee eines klassenlosen Theaters, welches von Blomberg propagiert, erlegen. Dass man aber für solch abenteuerliche Visionen sogleich den ganzen Pfauen demolieren muss, mutet - gelinde gesagt - ein bisschen dreist an. Zudem liegt es in der Natur der Sache, dass es in einem Theater immer Plätze gibt, die näher und solche, die weiter von der Bühne entfernt sind. Oder ist von Blomberg nicht nur Chefdramaturg, sondern auch noch Chefarchitekt und kann bei baulichen Herausforderungen die Quadratur des Kreises lösen?

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Ein Wort jedenfalls noch zu den Arbeitsbedingungen am Zürcher Schauspielhaus: So schlecht können diese auch wieder nicht sein, wurde der Pfauen in den vergangenen Jahren einige Mal zum «Theater des Jahres» erkoren und hat Brecht, Dürrenmatt, Marthaler und auch Frisch zu Höchstleistungen inspiriert. Letzterer – Max Frisch – hat sich schon in den sechziger Jahren für den Erhalt des Saales eingesetzt. Er wusste wohl, dass das vermeintlich Bessere nicht immer das Bessere ist.

«Das Beste wäre es, wenn man das Theater sanft renovieren würde, ohne dessen einzigartige DNA zu zerstören»

Fazit der ganzen Diskussion: Das Beste jedenfalls wäre es, wenn man das Theater sanft renovieren würde, ohne dessen einzigartige DNA zu zerstören. Und dazu gehört der ganze Plüsch und das vermeintlich Unmoderne. Erstaunlich war, dass die Kosten von 115 Millionen Franken kein Thema waren. Im Selbstverständnis eines hochsubventionierten Theaters gilt wohl die Maxime: «Der Stutz ist in Zürich eh da» (was angesichts der hochtrabenden Pläne wohl nicht ganz falsch ist). 

Auf die Frage, ob von Blomberg während des – hoffentlich nicht stattfindenden – Umbaus mit dem ganzen Theater in den Schiffbau wechseln würde, schüttelte dieser den Kopf. Sein Fazit: ungeeignet. Was doch erstaunt, galt doch der millionenschwere Schiffbau vor 20 Jahren als modernstes Theater Europas und wurde auch als solcher vom internationalen Feuilleton und den Theatermachern auf der ganzen Welt gefeiert. Doch was heute hip ist, kann morgen schon veraltet sein. Das soll den Befürwortern einer Zerstörung zu denken geben.

Der schönste Begriff übrigens, der während der ganzen Diskussion fiel, heisst «Erinnerungsort» oder noch edler «lieu de mémoire». Ganz naiv gefragt: Wäre es nicht am einfachsten, man würde einen solchen Erinnerungsort einfach bewahren, anstatt ständig darüber zu philosophieren, wie man eine Erinnerung an etwas behält, das man zerstören will?

 


Matthias Ackeret, Verleger von «persönlich», hat das Komitee «Rettet den Pfauen» mitinitiiert.

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Kommentare

  • Victor Brunner, 23.04.2021 11:15 Uhr
    Egal ob man für Abriss oder Renovation des Pfauens ist, wenn man von Blomberg zuhört der ein «problematisches Gesellschaftsmodell» wittert weil es bessere und weniger gute Plätze gibt dann macht einem die Bühne unter der Führung der beiden Intendanten Sorge! Wo war das Gesellschaftsmodell der Bühne während Corona? Da war nichts, keine Innovation, keine Kreativität! Streaming? Wenn von Blomberg ein anderes Gesellschaftsmodell will, kein Problem, aber bitte nicht am Pfauen und vor allem nicht an einer Bühne die von "reaktionären" SteuerzahlerInnen finanziert werden muss! Im Geist ist der Pfauen mittlerweile eine Filiale des deutschen Theaters München! Während und nach der Nazizeit war der Pfauen Bollwerk gegen das "deutsche Theater".
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