19.04.2021

Ursprung des Virus

«Die Labortheorie ist vielerorts ein Tabu»

NZZ-Redaktor Marcel Gyr ist der Theorie nachgegangen, dass Sars-CoV-2 aus einem Labor in Wuhan entwichen sei. Im Interview spricht er über Verschwörungstheorien, die Sicht der Wissenschaft und was es bräuchte, um die Wahrheit herauszufinden.
Ursprung des Virus: «Die Labortheorie ist vielerorts ein Tabu»
«Das Thema scheint viele Menschen zu beschäftigen», sagt Marcel Gyr. Er ist Reporter und Inland-Redaktor bei der Neuen Zürcher Zeitung. (Bilder: unsplash/zVg.)
von Matthias Ackeret

Herr Gyr, Sie haben für die NZZ eine grosse Recherche gemacht und die Frage in den Raum gestellt, ob das Covid-19-Virus vielleicht nicht doch aus einem Labor in Wuhan entwichen ist. Worauf stützen Sie Ihre Hypothese?
Die Möglichkeit, dass das Virus aus einem Labor in Wuhan entwichen ist, ergibt sich aus einer langen Indizienkette. Konkret geht es um das Institut für Virologie in Wuhan, das einzige Labor in China mit dem höchsten Sicherheitslevel 4. Das Labor steht mitten in der 11-Millionen-Metropole Wuhan. Die Leiterin des Labors, Shi Zhengli, sammelt seit 18 Jahren Coronaviren, die sie im Süden Chinas von Fledermäusen einsammelt. Mit diesen Viren werden im Labor Experimente durchgeführt: Zum Beispiel werden zwei Viren zu einem Hybrid zusammengebaut, in der Absicht, sie für den Menschen gefährlicher zu machen – sie sollen ansteckender und tödlicher sein.

Das tönt reichlich abenteuerlich.
Ja, und das ist es auch. Diese Forschung nennt man «Gain-of-Function», man kennt sie seit rund zwanzig Jahren. Shi Zhengli ist eine der führenden Forscherinnen auf diesem Gebiet. Die Forschung gilt als «Dual Use», sie kann sowohl im militärischen Bereich verwendet werden, etwa für die Entwicklung von Biowaffen, aber auch für zivile Zwecke, insbesondere zur Entwicklung von Medikamenten oder Impfstoffen. Im Prinzip versucht man, der Natur einen Schritt voraus zu sein: Man schafft eine Virus-Mutation, die später vielleicht auf natürlichem Weg entstehen könnte. So erhofft man sich einen Vorsprung. Das Medikament Remdesivir, das bei der Behandlung von Covid-19 eingesetzt wird, ist zum Beispiel auf diesem Weg entwickelt worden.

Und was hat das alles mit dem Ausbruch von Sars-CoV-2 zu tun?
In der riesigen Sammlung von Coronaviren im Labor von Shi Zhengli befindet sich auch das Virus, das mit Sars-CoV-2 am nächsten verwandt ist: RaTG13. Es ist der einzige neue Begriff, den man sich in dieser Geschichte merken muss. Die Gensequenz von RaTG13 stimmt zu 96,2 Prozent mit jenem von Sars-CoV-2 überein, gefunden wurde das Virus von Shi Zhengli im Süden Chinas – aber nicht etwa in einer Höhle, sondern in einer ehemaligen Kupfermine. Die Geschichte um diese Kupfermine ist zentral, … aber kommen wir zurück zu RaTG13: Gemäss einem Dokument der amerikanischen Regierung wird am Institut für Virologie seit einigen Jahren mit diesem Virus experimentiert. Das heisst: In diesem Labor ist der entscheidende Baustein vorhanden, aus dem Sars-CoV-2 künstlich hergestellt werden könnte.

«… ja, und es wird noch schlimmer.»

Die Laborthese wird zumeist als Verschwörungstheorie bezeichnet. Widersprechen Sie?
Tatsächlich haftet der Laborthese das Stigma der Verschwörungstheorie an. Das geht vor allem auf Donald Trump und seinen früheren Berater Steve Bannon zurück. Die beiden haben das Thema als erste aufgegriffen und dann gnadenlos für ihren Machtkampf mit China instrumentalisiert. Seither ist die Labortheorie vielerorts ein Tabu. Aber inzwischen wird sie auch von der neuen US-Regierung unter Joe Biden gestützt, und zuletzt hat sich sogar der WHO-Direktor dafür ausgesprochen. Ein möglicher Austritt des Virus aus dem Labor müsse weiter untersucht werden.

Wie verhält sich die Wissenschaft in diesem politischen Machtpoker?
Die Wissenschaft hat sich sehr früh positioniert. Die überwiegende Mehrheit spricht sich für die Zoonose aus, also für die Übertragung auf natürlichem Weg von der Fledermaus über einen – bisher nicht bekannten – Zwischenwirt auf den Menschen. Die wegweisende Stellungnahme erfolgte bereits am 18. Februar 2020, nur einen Monat nach der Sequenzierung des neuen Virus, durch eine Gruppe von Wissenschaftlern im Fachmagazin «Lancet». Darin heisst es, man verurteile entschieden Verschwörungstheorien, wonach Covid-19 keinen natürlichen Ursprung habe. Stattdessen lobten die Wissenschaftler die «rasche, offene und transparente» Information der chinesischen Kollegen. Später stellte sich heraus, dass hinter der Stellungnahme der amerikanische Wissenschaftler Peter Daszak stand. Daszak arbeitet seit rund 18 Jahren mit dem Labor von Shi Zhengli in Wuhan zusammen. Als die US-Regierung 2014 für die umstrittene «Gain-of-Function»-Forschung ein Moratorium verhängte, erhielt Daszak eine Ausnahmebewilligung. Er musste sein Forschungsprojekt dafür ins Ausland verlegen – fortan forschte er am Institut für Virologie in Wuhan.

Das riecht nach einem Interessenkonflikt …
… ja, und es wird noch schlimmer. Ausgerechnet Peter Daszak wurde von der WHO in die Expertengruppe gewählt, welche die Ursache der Pandemie untersuchen soll. Bei der Inspektionsreise nach Wuhan kam es deshalb zu einer eigenartigen Konstellation: In seiner Funktion als Mitglied der WHO-Expertengruppe fragte Daszak seine langjährige Kollegin Shi Zhengli, ob sie in ihrem Labor auch mit Sars-CoV-2 gearbeitet habe. Sie verneinte. Aber eine andere Frage bejahte sie: Ende 2019 hat das Labor tatsächlich mehrere Datenbanken, die zuvor öffentlich zugänglich waren, offline gestellt. Peter Daszak kenne ich nicht, bestimmt ist er ein ehrenwerter und integrer Wissenschaftler. Aber dass er ein Labor untersucht, an dem er jahrelang mitgeforscht hat, geht meiner Meinung nach nicht.

«Was ich mir vorstellen kann, ist ein versehentliches Austreten des Virus nach einem Unfall.»

Wie sind Sie bei der Recherche eigentlich vorgegangen?
Die Recherche beschränkte sich für einmal weitgehend aufs Internet. Während mehrerer Wochen habe ich fast Tag und Nacht Berichte, Dokumente und Stellungnahmen gesichtet. Das Schwierige war, in diesem Dickicht von Informationen ein abgerundetes Bild zu zeichnen. Zum Schluss entstand ein Thriller, der mich in seinen Bann gezogen hat.

Könnte es auch sein, dass das Virus vorsätzlich in die Welt gesetzt worden ist?
Das wäre dann noch eine Eskalationsstufe mehr. Aber nein, davon gehe ich keinesfalls aus. Was ich mir aber vorstellen kann, ist ein versehentliches Austreten des Virus nach einem Unfall – oder ganz simpel nach einer unsorgfältigen Entsorgung von Abfall. Amerikanische Spezialisten haben das Labor in Wuhan mehrmals inspiziert und 2018 eindringlich gewarnt. So, wie im Labor gearbeitet werde, könne eine neue Pandemie ausgelöst werden. Diese Warnung hat die «Washington Post» bereits vor einem Jahr enthüllt.

Zunächst ging man ja davon aus, das Virus habe sich über einen Tiermarkt in Wuhan ausgebreitet – gilt das nicht mehr?
Die Fährte zum Huanan Seafood Market haben chinesische Behörden schon früh gelegt. Tatsächlich war es dort Mitte Dezember 2019 zu einer Häufung von Infektionen mit Sars-CoV-2 gekommen. Doch schon bald zeigte eine Studie, dass von den ersten Patienten in Wuhan rund ein Drittel keinerlei Bezug zu diesem Markt gehabt hatte. Seither gilt der Markt nicht mehr als Auslöser der Pandemie, sondern eher als erster Superspreader.

«In einem ‹Tatort› wäre das Labor bestimmt der Hauptverdächtige.»

Wie waren die Reaktionen auf Ihre Recherche?
Noch selten habe ich derart fundierte, präzise und zuweilen auch berührende Reaktionen auf einen meiner Artikel erhalten. Das Thema scheint viele Menschen zu beschäftigen.

Was ändert sich überhaupt, wenn man weiss, dass das Virus aus einem Hochsicherheitslabor in Wuhan stammt? Könnte China für den Schaden haftbar gemacht werden?
Man schätzt, dass in der Natur noch viele Tausend Coronaviren schlummern, vor allem in Fledermäusen, aber auch in Schuppentieren. Die meisten dürften harmlos sein, aber nicht alle. Es wird immer wieder zu Übertragungen kommen, ein frühzeitiges Eingreifen ist deshalb von entscheidender Bedeutung. Wenn das Virus nun aber stattdessen aus dem Labor kommen sollte, wird natürlich die «Gain-of-Function»-Forschung noch mehr in die Kritik geraten. Wichtig wäre es aus meiner Sicht, die Schuldfrage aussen vor zu lassen. Das ist für eine Aufklärung bloss hinderlich.

Sie lassen es am Ende Ihres Berichtes offen, ob das Virus tatsächlich aus dem Labor kommt oder auf natürlichem Weg übertragen worden ist. Zu welcher Theorie tendieren Sie? Und wird man je die Wahrheit finden?
Von aussen betrachtet gibt es eine ganze Reihe von Indizien, die einen Unfall im Hochsicherheitslabor des Instituts für Virologie in Wuhan zumindest als möglich erscheinen lässt. In einem «Tatort» wäre das Labor bestimmt der Hauptverdächtige. Wofür die innere Struktur des Virus eher spricht, kann ich allerdings nicht beurteilen. Diesbezüglich spricht sich die Wissenschaft derzeit klar gegen einen Laborunfall aus. Für die Wahrheitsfindung entscheidend wären die vollständigen Daten aus dem Labor und zu den ersten Patienten. Diese werden von den chinesischen Behörden noch immer zurückgehalten, angeblich zum Schutz der Privatsphäre.



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