18.05.2021

Saint Gall

«Es braucht wieder mehr Ruhe, mehr Besonnenheit»

Ein neues Medienprojekt für die Stadt St. Gallen mitten in einer Krise? Und erst noch ganz ohne digitale Inhalte? Gründer Sebastian Schneider will einen Gegenpol schaffen zur Schnelllebigkeit im Journalismus und erklärt, wie dies gelingen soll.
Saint Gall: «Es braucht wieder mehr Ruhe, mehr Besonnenheit»
Der 34-Jährige war sieben Jahre Redaktor beim St. Galler Tagblatt. Nun erfüllte er sich seinen Wunsch, ein eigenes Medienunternehmen zu gründen. (Collage: persoenlich.com, Bilder: zVg)
von Loric Lehmann

Herr Schneider, am 24. Juni erscheint die erste Ausgabe von Saint Gall. Woher kam die Idee dafür?
Als ich Redaktor beim St. Galler Tagblatt war, begann ich etwa ab 2015 zu überlegen, ob ein eigenes, unabhängiges und effizientes Medienunternehmen möglich wäre. Denn mir haben die Entwicklungen im Journalismus nicht gefallen. Doch anstatt mich frustrieren zu lassen, wollte ich meine Energie in etwas Positives lenken. Ich hatte das Glück, drei super Mitstreitende gefunden zu haben. Als Team haben wir in kurzer Zeit schon sehr viel erreicht.

Mit was für Themen wird sich die erste Ausgabe beschäftigen?
Es wird mehrere längere Beiträge geben zur Frage: Wie viel Staat brauchen wir? Landwirtschaft und Natur kommen bei uns nicht zu kurz. Im Bereich Politik und Gesellschaft geht es vor allem um die angespannte Finanzlage der Stadt. Aber wir haben auch Tiergeschichten und kleinere Lesestücke zu bieten.

Hinter dem Magazin steht ein vierköpfiges Team. Wie haben Sie zueinandergefunden?
Mit Nicole Tannheimer habe ich schon länger zusammengearbeitet und mit ihr die Marke «Saint Gall 612» entwickelt. Urs Bucher stiess nach seiner Zeit beim St. Galler Tagblatt im vergangenen Herbst zu uns. Als ich erfuhr, dass er verfügbar wird, ging ich sofort auf ihn zu. Mir war auch wichtig, eine vierte und schreibende Person im Team zu haben. Da kam mir schnell Marion Loher in den Sinn. Weil ich sie fachlich und menschlich schätze.

«Gegenfrage: Wird die digitale Transformation nicht überschätzt?»

Wollen Sie das Team in Zukunft noch ausbauen?
Wir wollen sicher mit weiteren freien Journalistinnen und Journalisten zusammenarbeiten. Für die erste Nummer konnten wir aus finanziellen und organisatorischen Gründen noch nicht alle anfragen. Dass wir später mit einigen eine grössere Redaktion bilden, ist gut möglich, aber auch noch Zukunftsmusik.

Das Magazin erscheint zweimal pro Jahr und hat rund 80 Seiten. Die meisten Redaktionen in Europa sind mitten in der digitalen Transformation und Sie lancieren ein neues Printmagazin – ganz ohne digitale Inhalte. Hat das Papier redaktionell nicht ausgedient?
Wenn dem so wäre, hätte das Papier schon lange verschwinden müssen. Man kann den Spiess auch umdrehen und fragen: Wird die digitale Transformation nicht überschätzt? Auf jeden Fall eröffnet uns diese Situation die Chance, einen vielleicht angenehmen Kontrapunkt zu setzen zur Schnelllebigkeit im Journalismus. Ich glaube nicht, dass die sozialen Medien den Journalismus besser gemacht haben. Ich bin überzeugt, es braucht wieder mehr Ruhe, mehr Besonnenheit. Aber vielleicht irre ich mich auch. Ende Jahr werden wir mehr wissen.

«Die Zeit aus einer Krise heraus ist mit einer positiven Aufbruchsstimmung verbunden»

Wie wollen Sie das Magazin an die Leute bringen? Jetzt und in Zukunft?
Wir bieten unsere ersten beiden Ausgaben kostenlos an, sagen aber sofort, dass wir in diesem Jahr auf Spenden angewiesen sind. Kommen genug Anmeldungen und Geld zusammen, fahren wir nächstes Jahr mit Jahresabos im Wert von 20 Franken fort.

Sie haben keine grösseren Finanzgeber im Hintergrund. Sie sind also abhängig vom Werbemarkt und von Ihrer Leserschaft – und dies mitten in der Coronakrise. Ist der Zeitpunkt nicht schlecht gewählt?
Corona war die perfekte Zeit, um die Sache im Hintergrund aufzubauen. Und gerade jetzt macht ein neues Stadtmagazin doch erst recht Freude. Die Zeit aus einer Krise heraus ist ja oft mit einer positiven Aufbruchsstimmung verbunden. Da schwingen wir mit.

Haben Sie noch weitere Projekte in der Pipeline?
Innerhalb von Saint Gall ist noch vieles möglich. Ein Ausbau der Redaktion, Veranstaltungen, vielleicht doch digitale Angebote. Ich glaube auf jeden Fall nicht, dass wir aufgeben, sollte die Print-Strategie scheitern.



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