30.06.2021

Dirk Schütz

«Geld ist etwas sehr Persönliches»

Einblick in eine rare Spezies: Dirk Schütz, Chefredaktor Bilanz, hat das Buch «Milliardäre» geschrieben und beschreibt zehn Schweizer Superreiche, darunter Christoph Blocher, Peter Spuhler oder Samih Sawiris. Wie ticken sie? Und was unterscheidet sie von Millionären?
Dirk Schütz: «Geld ist etwas sehr Persönliches»
«Das subjektive Glücksgefühl hängt nicht am Geld», so Dirk Schütz, Autor von «Milliardäre, Zehn Schweizer Superreiche – und die grosse Frage: Macht Geld glücklich?» (Bilder: zVg)
von Matthias Ackeret

Herr Schütz, Sie haben ein Buch über Milliardäre geschrieben. Wie kamen Sie auf dieses Thema?
Wir sind ja bei «Bilanz» mit unserer jährlichen Liste zu den 300 Reichsten auf die Erforschung des Schweizer Reichtums spezialisiert und fokussieren dort sehr auf die Personen. Mich haben die persönlichen Lebenslinien bei diesen Menschen interessiert, mit denen wir ja journalistisch das ganze Jahr über zu tun haben. So lässt sich auch eine gute Wechselwirkung zwischen unserem Magazin und dem Buchprojekt herstellen. Und: Akademische Studien über die Spezies der Milliardäre gibt es zuhauf. Ich wollte reelle Menschen mit täglichen Dramen vorstellen.

Sie porträtieren zehn Milliardäre, allesamt Männer. Nach welchen Kriterien haben Sie die Auswahl getroffen?
Die Porträtierten sind Schweizer oder in der Schweiz wohnhaft, sie müssen eine spannende Lebensgeschichte haben – und natürlich die Bereitschaft, bei einem derartigen Projekt dabei zu sein. Ich habe auch einige Frauen angefragt, aber sie wollten nicht mitmachen.

Gab es andere Absagen und wenn ja, unter welcher Begründung?
Ja, es gab einige Absagen. Geld ist etwas sehr Persönliches, über das viele Menschen nicht sprechen wollen. Interessanterweise waren Erben weniger bereit, sich für ein derartiges Buch zu öffnen. Besonders, wenn sie Ihr Erbe verkauft hatten, wollten sie nicht mitmachen – vielleicht auch aus schlechtem Gewissen. Die einzige Ausnahme hier war Sika-Erbe Urs Burkard. Er spricht sehr offen über den Firmenverkauf und sein Hadern damit.

«Für das persönliche Leben ist das Vermögen ab einer gewissen Höhe irrelevant»

Ganz banal gefragt: Was unterscheidet neben der Geldmenge einen Milliardär von einem Millionär?
Es sind vor allem die Gestaltungsmöglichkeiten. Alle Milliardäre in diesem Buch sind davon getrieben, ihr Vermögen sinnvoll zu verwenden. Ein Hansjörg Wyss kann aber mehr als drei Milliarden spenden und hat so einen viel grösseren Hebel als ein Millionär. Für das persönliche Leben ist das Vermögen ab einer gewissen Höhe irrelevant. «Ab 100 Millionen spielt Geld keine Rolle mehr» lautet der grosse Satz des Andermatt-Investors Samih Sawiris in dem Buch zu dem Thema.

Der Untertitel Ihres Buches lautet: Macht Geld glücklich? Was ist Ihre Erkenntnis?
Das subjektive Glücksgefühl hängt nicht am Geld. Die genaue Vermögenshöhe konnte keiner der Porträtierten nennen – da ist längst ein Gewöhnungseffekt eingetreten. Ich habe auch Erkenntnisse der Glücksforschung in das Buch einfliessen lassen, demnach sind kaum mehr als 15 Prozent des Glücksgefühls von materiellem Wohlstand abhängig. Der weitaus grössere Teil ist genetisch vorbestimmt – Sonnenkind oder Griesgram – oder wird durch persönliche Handlungen ausgelöst. Deswegen sind die Selfmademen eben auch glücklicher als die Erben: Sie blicken auf eine grosse Lebensleistung zurück.

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Nach Ihrer Feldforschung: Ticken Milliardäre gleich oder gibt es sogar eine unsichtbare Bande untereinander?
Alle zehn Porträtierten sind im deutschsprachigen Raum aufgewachsen, das schafft gewisse Ähnlichkeiten: Reichtum nicht zur Schau stellen, auch bei grossem Vermögen weiter schaffen, verantwortungsvolle Weitergabe des Vermögens durch Spenden oder Vererben. Interessant auch: Keiner investiert im grossen Stil in klassische Börsentitel, viele investieren direkt in Firmen oder Beteiligungen.

Was sind die grössten Probleme, mit denen Milliardäre zu kämpfen haben?
Gerade die Selfmademen sind davon besessen, ihre Spendengelder auch effizient zu verwenden. Das Misstrauen gegenüber Charity-Organisationen sitzt tief. Alle müssen auch die grosse Frage lösen: Was geschieht mit meinem Vermögen, wenn ich nicht mehr da bin? Und dann gibt es oft auch Einsamkeit: Das Misstrauen, dass die Umwelt vor allem an seinem Geld interessiert ist, ist bei manchem Milliardär sehr ausgeprägt.

«Ein so grosses Vermögen entsteht immer über ein Unternehmen»

Hatten die Milliardäre, die Sie porträtiert haben, einmal den Traum Milliardär zu werden?
Die Milliarde war kaum das Ziel, aber es gibt schon Beispiele wie etwa den Partners-Group-Mitgründer Urs Wietlisbach, der als 18-Jähriger klar das Ziel formulierte: Mit 50 will ich fünf Millionen. Grundsätzlich gilt: Ein so grosses Vermögen entsteht immer über ein Unternehmen – ob als Gründer, Käufer oder Erbe. Und Männer wie die Porträtierten Christoph Blocher, Peter Spuhler, Michael Pieper oder Klaus-Michael Kühne sind vor allem von der Weiterentwicklung dieser Unternehmen getrieben. Das Geld ist nur ein Resultat davon: ein Orden für grosse Unternehmensleistung.

Abgesehen von der Geldmenge: Möchten Sie selbst Milliardär sein?
Damit beschäftige ich mich, wenn es so weit ist.

Sie beschäftigen sich in Ihrem ganzen Berufsleben mit reichen Leuten und Unternehmern. Trotzdem: Haben Sie bei Ihrer Recherche neues gelernt – und wenn ja, was?
Ich weiss jetzt aus der Praxis, dass Geld allein nicht glücklich macht – vorher war es nur Theorie.



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